Viele Gedanken und ein Gedicht auf meinem Weg

Als ich gestern nach meiner Mittagsauszeit an den Fluß ging, verstrickte ich mich wieder einmal in Gedanken. Gedanken an die Zukunft und so. Sensei hat mir für diesen Fall ein Gedicht mit auf den Weg gegeben, dass ich mir immer wieder gern durchlese. Es ist von Rainer Maria Rilke aus „Briefe an einen jungen Dichter“ und ich möchte es gerne mit euch teilen.

Man muß den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;

alles ist Austragen –
und dann Gebären.

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommmen könnte

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos still und weit…

Man muß Geduld haben
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen,
die Fragen selber lieb zu haben,
wie schlossene Stuben,
und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum,
alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

asdf

CC "Kirschblüten im Frühling" von SjurWarEagle

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4 Gedanken zu “Viele Gedanken und ein Gedicht auf meinem Weg

  1. Ein sehr sehr schönes Gedicht! Der letzte Teil gefällt mir am besten. „In die Antwort hineinleben“ … so treffend und beruhigend. Anscheinend muss man nicht alle Lösungen zu allen Rätzeln prompt haben. Die Antworten werden vielleicht genauso natürlich irgendwann auftauchen, wie das die Fragen ja auch andauernd tun. Wenn man sich nur mal überlegt was man mit 15 alles nicht wusste… da ist man ja jetzt schon ein bisschen schlauer. Einfach so, mit der Zeit. Insofern freu ich mich schon auf meine 35, wenn ich über all das lachen kann, was mir jetzt Kopfschmerzen bereitet. Ironie der Sache: dann gibt es bestimmt wieder neue Stufen zu erklimmen.

  2. Barbara schreibt:

    Mir gefällt das Gedicht auch sehr gut und nur zur Beruhigung oder auch nicht für Euch beide, selbst mit über 50 ist man nicht so schlau, wie man gerne wollte, neue Stufen zu erklimmen wird man wohl sein ganzes Leben.
    Geduldig abzuwarten ist eine Kunst, die ich auch in meinem Alter noch nicht gelernt habe. (Aber was nicht ist, kann ja noch werden)

  3. @Barbara O-Sensei, der Begründer des Aikido, hat bis zum Schluss immer wieder gesagt „Dieser alte Mann muss noch viel lernen“. Alles lernen kann man ja wirklich nicht aber die Idee, die Fragen zu leben finde ich sehr erquickend 🙂

  4. Ivette schreibt:

    Oft genug übersehe ich die Chancen, die Impulse, die mir jeder Tag, jede Stunde bietet.
    Ich übersehe den Impuls und verpasse damit oft genug „alles zu leben“.
    Das Gute daran ist, daß jeder ungelebte Impuls unübersehbar wiederkommt.
    Denn:
    Jeder gelebte Impuls ist ein Baustein für mein Mosaik.
    Jeder gelebte Impuls vervollständigt mich.
    Jeder gelebte Impuls ist Respekt für mich und die Wesen, die ihren Beitrag dazu leisten.
    Jeden Impuls im Moment zu bemerken/ zu fühlen/ zu leben, ist vielleicht das Leben in die Antwort hinein.

    Lieber Mari, Sensei kennt sich gut aus im Leben. Viel Denken läßt eben wenig Raum für Fühlen und wirkliches Begreifen.

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